Swissolar-Präsident Jürg Grossen und Vize-Präsidentin Gabriela Suter im Interview

20. Oktober 2021

Seit Ende Mai 2021 ist GLP-Nationalrat Jürg Grossen neuer Präsident von Swissolar und SP-Nationalrätin Gabriela Suter wurde als erste Frau zur Vizepräsidentin gewählt. Wir haben uns mit ihnen über ihre ersten Eindrücke und mittelfristigen Ziele unterhalten.

Nochmals herzliche Gratulation zu eurer Wahl als Präsident respektive als Vizepräsidentin. Ihr seid nun schon über 100 Tage im Amt, wo man in der Politik normalerweise den ersten Rückblick macht. Deshalb erst auch die einfachste Frage: Was ist euer Eindruck vom Verband?

Jürg Grossen: Ich habe einen sehr guten Eindruck, bei Swissolar wird viel wertvolle und zielführende Arbeit geleistet.

Gabriela Suter: Swissolar ist die Stimme der Solarwirtschaft. Der Verband bietet den Mitgliedern eine vielfältige Palette an Weiterbildungsmöglichkeiten, fachlicher Unterstützung und Veranstaltungen. Die Geschäftsstelle ist ausgezeichnet aufgestellt und arbeitet sehr professionell.

Danke für das Lob. Habt ihr schon ausgemacht, was ihr in eurem Amt anpacken wollt? Wo möchtet ihr Zeichen setzen? Wo neue Betätigungsfelder erschliessen oder Prioritäten anders als bisher setzen?

Grossen: Mein Ziel ist klar: die Solarenergie muss zur tragenden Säule in der schweizerischen Energieversorgung werden. Ich werde alles tun, um den raschen Zubau zu ermöglichen und bestehende Hürden zu beseitigen.

Suter: Frauen sind in der Solarbranche momentan stark untervertreten. Mir ist ein Anliegen, dass die Solarberufe attraktiv für Frauen werden. Ein erster Schritt kann über die Stärkung der Berufsbildung getan werden. Zudem ist mir wichtig, dass wir als Branche ökologische und soziale Richtlinien festlegen, an die wir uns strikte halten. Ich setze mich deshalb auch dafür ein, dass die Solarindustrie wieder nach Europa zurückgeholt wird.

Auch wenn die Solarenergie in der Schweiz endlich wieder einen Aufschwung erfährt, gibt es auf politischer Ebene noch einige Baustellen. Wie geht es weiter nach der bedauerlichen Ablehnung des CO2-Gesetzes? Welche Möglichkeiten hat die Schweiz nun, den CO2-Ausstoss bis 2050 auf netto Null zu reduzieren?

Suter: Es ist wirklich jammerschade, dass dieses Gesetz knapp abgelehnt wurde. Wegen seiner Komplexität bot es viel Angriffsfläche und am Schluss kumulierten die Nein-Aspekte. Wichtig ist, dass wir jetzt etappenweise vorgehen und zuerst unbestrittene Änderungen verabschieden. Auch steht nun die Beratung der Gletscherinitiative und deren Gegenvorschlag an. Weiter sind auch die Kantone und Gemeinden in der Pflicht zu handeln. Glarus hat kürzlich ein scharfes Energiegesetz beschlossen, der Kanton Zürich wird hoffentlich im November folgen.

Grossen: Die Abstimmung ging verloren, das Ziel Netto-Null CO2 bleibt jedoch. Deshalb gilt es keine Zeit zu verlieren und in verdaubaren Schritten konsequent auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Mit der Solarenergie, der Elektromobilität und der Digitalisierung stehen uns wichtige Technologien zur Verfügung, um das Ziel zu erreichen. Die Politik hat die Aufgabe, optimale Rahmenbedingungen zu gestalten, damit sich die Technologien in der Breite durchsetzen können. Wenn es nicht in grösseren Paketen klappt, dann eben in kleineren.

Weitere Schritte sind auf verschiedensten Ebenen nötig: Mit den heutigen Rahmenbedingungen kommen wir gemäss BFE künftig auf einen PV-Jahreszubau von ca. 700 MW, es müssten aber gemäss Berechnungen von Swissolar und den Energieperspektiven 2050+ rund 1500 MW sein. Gleichzeitig liegt das Rahmenabkommen auf Eis, weshalb die ElCom vor gefährdeter Versorgungssicherheit bei jetzigem Ausbautempo warnt. Wie schaffen wir es, den nötigen Photovoltaik-Ausbau doch noch zu erreichen?

Grossen: Es sind in der Tat viele Herausforderungen auf einmal. Deshalb habe ich im Herbst 2020 meine Roadmap Grossen publiziert, welche aufbauend auf dem Buch von Roger Nordmann einen Weg aufzeigt, wie sich die Schweiz komplett erneuerbar, CO2-neutral und eigenständig mit Energie versorgen kann, auch wenn das prognostizierte Wirtschafts-, Bevölkerungs- und Verkehrswachstum Tatsache wird. Die Solarenergie spielt dabei die zentrale Rolle bei der Versorgung. Strom- und Energieeffizienz, Elektromobilität, Saisonspeicherung mittels Power-to-X sowie Smartgrids sind die weiteren Pfeiler. Um die Versorgungssicherheit zu garantieren, muss der PV-Zubau insgesamt viel rascher erfolgen und zudem stärker auf die Winterproduktion ausgerichtet werden. Ebenfalls aus Gründen der Versorgungssicherheit muss die starke Einbindung ins europäische Stromnetz mit einem Stromabkommen dauerhaft gesichert werden. Es bleibt also auf allen Ebenen viel zu tun.

Suter: Nach dem gescheiterten Rahmenabkommen ist es noch wichtiger, die Versorgungssicherheit und die Netzstabilität zu stärken. Die Energieperspektiven 2050+ sagen klar: Die Solarenergie soll zur tragenden Säule unserer Energieversorgung werden. Klar ist aber auch: Mit den heutigen politischen Rahmenbedingungen erreichen wir den nötigen Solarzubau nicht. Die Schweizer Netzbetreiber investieren heute hauptsächlich im Ausland in erneuerbare Energien.

Herr Grossen, Sie sind gelernter Elektroplaner und führen seit Mitte der 90er-Jahre ein Unternehmen in diesem Bereich. Nebst Swissolar präsidieren Sie auch Swiss e-Mobility, den Verband für Elektromobilität. Wo sehen sie die grössten Synergien von Solarenergie und Elektromobilität, welche Hindernisse gilt es dabei zu überwinden und inwiefern unterscheidet sich Ihre kürzlich veröffentlichte Roadmap vom Solarplan ihres Vorgängerpräsidenten Roger Nordmann?

Grossen: Meine Roadmap ergänzt Roger Nordmanns Buch mit Erfahrungen aus der Praxis und zeigt auf, wie der Weg hin zur Netto-Null-Schweiz aus meiner Sicht konkret begangen werden könnte. Die Elektromobilität setzt sich aktuell in riesigen Schritten durch. Bereits haben rund 20% der Neuwagen einen Stecker. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Alle namhaften Autohersteller schwenken um auf die Elektromobilität. Die Synergien mit der Photovoltaik bestehen insbesondere darin, dass der Strom fürs Fahren direkt vom Dach ins Fahrzeug fliesst und dass Fahrzeugbatterien sowohl bidirektional als auch als Second-Life-Lösung optimal als Speicher dienen können. Der Grossteil der Ladungen erfolgt dann, wenn das Elektroauto lange steht, also Zuhause und am Arbeitsplatz. Genau dort sind auch die geeigneten Dachflächen für PV-Anlagen vorhanden. Und da kommen die Möglichkeiten der Digitalisierung in Bezug auf die Stromeffizienz, die Eigenverbrauchsoptimierung und das SmartGrid ins Spiel. Ich habe sehr klare Vorstellungen, wie der Stromverbrauch optimal an die Solarproduktion angepasst und die Winterstromversorgung mit Saisonspeicherung gelöst werden kann

Was braucht es konkret, um den Photovoltaik-Ausbau auch in der Schweiz auf das erforderliche Tempo zu bringen?

Suter: Es braucht neue Förderinstrumente, um stärkere Investitionsanreize zu schaffen – dies vor allem für den Bau grosser Photovoltaikanlagen ohne Eigenverbrauch, zum Beispiel auf Industriehallen. Mit der in der Herbstsession beschlossenen Übergangsregelung, der parlamentarischen Initiative Girod, hat das Parlament einen wichtigen Schritt vorwärts gemacht. Diese Förderinstrumente gilt es nun bei der Revision des Energiegesetzes weiterzuführen und auszubauen. Zudem braucht es einen Abbau von bürokratischen Hürden: PV-Fassadenlösungen sollen vom Baubewilligungsverfahren befreit werden und es braucht auch eine Vereinfachung auf Infrastrukturanlagen ausserhalb der Bauzone. Schliesslich sollen auch Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch einfacher möglich sein.

Grossen: Der PV-Zubau muss deutlich über dem vom BFE geforderten Wert liegen, sonst werden wir die Ziele nicht erreichen. Sowohl für PV-Anlagen mit als auch ohne Eigenverbrauch müssen die Bedingungen und die Investitionssicherheit deutlich verbessert werden. Konkret müssen Anlagen ohne Eigenverbrauch bessere Einspeisepreise, Anlagen mit Eigenverbrauch tiefere Netzpreise für die Quartierstromnutzung haben.

In der Schweiz bauen wir bisweilen, im Gegensatz zu Deutschland oder Spanien beispielsweise, vor allem Photovoltaikanlagen auf Dächer und Fassaden. Wie stehen Sie zu freistehenden PV-Anlagen?

Grossen: Dieses Potenzial ist erheblich und muss ebenfalls genutzt werden. Ich bin überzeugt, dass Strom in erster Linie dort produziert werden soll, wo er auch verbraucht wird, also auf und an den Gebäuden. Effizienter geht es nicht mehr. Heute werden 20% der Gesamtenergie in Gebäuden als Strom verbraucht, mit der Elektrifizierung von Heizungen und Verkehr wird dieser Wert auf rund 60% steigen. Die Gebäude sind die Tankstellen der Zukunft. Trotzdem brauchen wir zusätzlich auch PV-Anlagen auf anderen Flächen, zum Beispiel in der Landwirtschaft als Agri-PV, auf Parkplätzen, an Lärmschutzwänden, Stauseen, etc. Auch diese Anlagen müssen spezifisch auf die Winterproduktion ausgerichtet werden.

Suter: Grossflächenanlagen sollen primär auf bestehenden Infrastrukturen und versiegelten Flächen gebaut werden, beispielsweise über Parkplätzen oder Autobahnen. Die Beschattung wird immer wichtiger, Solarfaltdächer sind deshalb attraktiv. Ein noch nahezu unausgeschöpftes Potenzial bilden vertikale bifaziale Module als Zäune und Lärmschutzwände entlang von Strassen und Gleisen. Bei der Agri-Photovoltaik gibt es interessante Lösungen – richtig angewendet schützen sie empfindliche Kulturen und können sogar für mehr Biodiversität sorgen. Für die Winterstromversorgung sind alpine Freiflächenanlagen prüfenswert, denn sie liefern auch im Winter zuverlässig Strom. Kombiniert mit Batteriespeichern können solche Anlagen auch für mehr Netzstabilität sorgen.

Es gibt also viel zu tun. Nebst den optimalen Rahmenbedingungen fehlt es derzeit aber auch an Planerinnen und Installateuren, um den benötigten PV-Ausbau zu bewerkstelligen. Was braucht es, um einen Fachkräftemangel in der Solarbranche zu verhindern? Was sollen Swissolar und seine Mitglieder unternehmen, was Bund und Kantone?

Grossen: Es fängt an der Basis an. Als Unternehmer ist mir die Berufslehre besonders wichtig, wir bilden aktuell in unserer Firma zehn Lernende aus. Ich erwarte von allen Unternehmen in dieser Zukunftsbrache, dass sie Lernende ausbilden und den jungen Leuten den Zugang in unsere faszinierende Technologiewelt ermöglichen. Swissolar muss sich an vorderster Front für die Aus- und Weiterbildung in allen betroffenen Berufsgruppen engagieren. Auch hier ist es an der Politik, die Rahmenbedingungen dafür zu setzen. Aber gerade als Politiker empfehle ich allen Unternehmen, nicht auf den Staat zu warten, sondern selbst in die Offensive zu gehen und vorwärtszumachen. Die Politik ist leider oft zu langsam.

Suter: Es braucht eine Ausbildungsoffensive, um den Fachkräftemangel in der Solarbranche anzugehen. Hier ist auch die öffentliche Hand in der Pflicht. Zurzeit gibt es weder eine EBA- noch eine EFZ-Berufslehre, mit der man direkt in den Solarbereich einsteigen kann. Die nötige Qualifikation holt man sich erst später in Weiterbildungen. Es wäre deshalb interessant, die Einführung einer eigenen Solarteur-Lehre zu prüfen. Die Solarbranche ist dank ihrer vielen Schnittstellen zu anderen Berufen aus dem Elektro- oder Gebäudeumfeld auch sehr interessant für Quereinsteiger:innen. Hier sollte die Branche auch gezielt Frauen ansprechen, die momentan massiv unterrepräsentiert sind.

Nun haben wir vor allem über die solare Stromgewinnung gesprochen. Welche Rolle soll und kann die Solarthermie bei der Dekarbonisierung spielen?

Grossen: Die Solarthermie ist eine wichtige Ergänzung zur Photovoltaik bei der Energieproduktion. Neben der Warmwasser- und Heizungsunterstützung sehe ich insbesondere bei der solaren Prozesswärme ein wichtiges Einsatzgebiet der Solarthermie.

Suter: Die Energieperspektiven 2050+ vernachlässigen die Solarthermie zu Unrecht. Saisonale Wärmespeicher haben sehr wohl Potential. Gemeinsam mit solarthermischen Grossanlagen zur Unterstützung der Fernwärme können sie dazu beitragen, den Stromverbrauch im Winter reduzieren. Interessant finde ich auch die Kombination von Solarthermie und Wärmepumpe, wo im Sommer produzierte Wärme über die Erdsonde im Boden gespeichert und im Winter wieder zurückgeholt wird und so für die Regeneration von grossen Erdsondenfeldern sorgt.

Frau Suter, kaum waren Sie Vizepräsidentin kamen Spekulationen über Zwangsarbeit in der chinesischen Provinz Xinjiang auf, wo auch Photovoltaikmodule produziert werden. Sie haben gemeinsam mit Swissolar sofort gehandelt und politische Vorstösse eingereicht. Wie waren die Reaktionen darauf und wie schätzen sie den weiteren Verlauf diesbezüglich ein?

Suter: Die Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Zwangsarbeit in Xinjiang sind sehr beunruhigend und die Unterdrückung der uigurischen Minderheit absolut inakzeptabel. Nicht nur die Solarindustrie, sondern auch andere Branchen wie die Textil-, die Maschinen- und die Nahrungsmittelindustrie sind von ähnlichen Vorwürfen und Problemen betroffen. Auch wenn das Problem je nach Branche und Lieferkette unterschiedlich angegangen werden muss, wäre es sinnvoll, wenn das SECO branchenübergreifende Vorgaben machen würde, wie ich es in einem Vorstoss fordere. So könnte der notwendige Druck auf China erzeugt werden, um diese intolerablen Praktiken zu unterbinden. Beispiele für solche einheitlichen Richtlinien gibt es beispielsweise aus dem Vereinigten Königreich und aus den USA. Für meine Motion habe ich Unterstützung von FDP bis Grüne erhalten – leider sperrt sich der Bundesrat gegen das Anliegen und will es den Branchen überlassen, entsprechende Richtlinien zu erarbeiten. Swissolar ist im Austausch mit dem europäischen PV-Verband Solar Power Europe, der Instrumente zur Lieferkettentransparenz erarbeitet.

Sie haben zu Beginn dieses Interviews gesagt, sie würden versuchen, die Solarindustrie wieder nach Europa zu holen. Ein ambitioniertes Ziel. Haben sie dazu schon Rückmeldungen erhalten?

Suter: Während andere betroffene Branchen in andere Regionen ausweichen können, ist die Solarbranche momentan sehr abhängig von Xinjiang – fast die Hälfte des weltweit verbauten Polysiliciums stammt aus der Region. Das Ziel müsste es deshalb sein, die Solarindustrie wieder nach Europa zu holen. Das würde gewährleisten, dass ökologische und soziale Standards eingehalten würden und hätte auch positive wirtschaftliche Effekte. In einem breit abgestützten Postulat fordere ich einen Bericht, wie sich die Schweiz am Aufbau einer europäischen Solarindustrie beteiligen könnte. Der Bundesrat ist bereit, das Postulat entgegenzunehmen. Allerdings will er keine aktive Industriepolitik betreiben, sondern vor allem auf Forschung und Innovation setzen.

Wir sind alle gespannt, wie es mit dem Umbau der Schweizer Energieversorgung weitergeht. Eines ist jedenfalls klar: Es gibt nicht nur für die Solarbranche viel zu tun und es wird uns so schnell nicht langweilig. Herzlichen Dank euch beiden für das Interview.