Neue Situation auf dem Strommarkt

4. Oktober 2017

Einmalvergütung und Direktvermarktung statt Einspeisevergütung: Diesen Systemwechsel für die Förderung erneuerbarer Energien hat das Volk mit dem Ja zum ersten Massnahmenpaket zur Energiestrategie 2050 eingeläutet. So entstehen neue Geschäftsfelder, und der Eigenverbrauch gewinnt an Bedeutung.

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Die Förderung erneuerbarer Energien wird umgekrempelt. Das System, das bisher als kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) bekannt war, wird marktnäher ausgestaltet. Dezentrale Stromproduzenten werden stärker in die Pflicht genommen, viele von ihnen müssen ihren Strom neu direkt auf dem Markt verkaufen. Gleichzeitig gewinnt die Einmalvergütung an Bedeutung – sie kann neu auch für grosse Anlagen bezogen werden und deckt rund 25 Prozent der Investitionskosten. Um eine Anlage unter den neuen Voraussetzungen wirtschaftlich zu betreiben, ist ein möglichst hoher Eigenverbrauch nötig. Dafür können mit der Energiestrategie 2050 nicht nur mehrere Parteien in einem Gebäude, sondern auch mehrere benachbarte Häuser eine Eigenverbrauchsgemeinschaft bilden und den Solarstrom von den Dächern gemeinsam nutzen.

Grosse Umwälzungen

«Die Stromversorgung durch die grossen Energieversorgungsunternehmen wird mehr und mehr von einer dezentralen Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen abgelöst», sagt Gianni Operto, Präsident der Dachorganisation der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz AEE Suisse. Denn die Photovoltaik wird immer günstiger, der Eigenverbrauch damit immer lukrativer. Und die Pflicht zur Direktvermarktung des Stroms lässt eine netzdienliche Einspeisung attraktiver werden. «Das ist gut so», findet Operto. «Gleichzeitig wird allerdings das gesamte System des Strommarkts komplizierter.»

Mit Speichersystemen Schwankungen im Netz ausgleichen
Für Privatpersonen und Gewerbebetriebe mit kleineren Anlagen ist die neue Regelung eine Herausforderung. Sie verfügen kaum über die Kompetenzen und Mittel, um überschüssigen Strom selber zu vermarkten. So kommen neue Player auf den Markt. Einer davon ist die Zürcher Firma Ampard: Sie bietet Solarstromspeicher an, die an den Ampard-Schwarmspeicher angeschlossen werden können. Die intelligent vernetzten Speicher können überschüssigen Netzstrom speichern und diesen bei Bedarf ins Netz  zurückspeisen. Mit dieser Lösung können die Anlagenbetreiber ihren Eigenverbrauch optimieren und tragen gleichzeitig zur Stabilisierung des Stromnetzes bei.

Solche Speichersysteme bieten verschiedene Vorteile: Die Betreiber der Photovoltaikanlagen können damit ihren Eigenverbrauch etwa verdoppeln. So müssen sie weniger Strom zukaufen und steigern die Wirtschaftlichkeit ihrer Anlage. Zudem können intelligent genutzte Speicher sogenannte Regelenergie liefern, mit der kurzfristige Schwankungen im Stromnetz ausgeglichen werden können. Speicherlösungen können sogar eine Alternative zu einem Ausbau des Stromnetzes sein, wie das Beispiel des Schlossgutes Meggenhorn zeigt. Ampard entwickelte gemeinsam mit der ENPLA GmbH ein System, das optimalen Eigenverbrauch und intelligentes Einspeisemanagement ermöglicht. Damit können die schwankenden Einspeisungen von Solarstrom lokal zwischengespeichert werden – ein Netzausbau ist nicht mehr nötig. ➔ Eine intelligente Speicherlösung optimiert am Meggenhorn den Eigenverbrauch und sorgt für eine netzdienliche Einspeisung, dank der das Stromnetz nicht ausgebaut werden musste.

Es braucht neue Rahmenbedingungen
Operto begrüsst Anbieter wie Ampard: «Gerade kleine Produzenten können mit ihren kleinen  Energiemengen auf dem Strommarkt nichts ausrichten und sind auf solche Dienstleistungen angewiesen.» Doch genau darin sieht er auch einen Nachteil: «Woher soll der Betreiber einer kleinen Photovoltaikanlage wissen, dass sein Aufwand fair entlöhnt wird?» Für die Einspeisung des überschüssigen Solarstroms seien zudem intelligente Zähler nötig, für welche die EVUs momentan überhöhte Preise verlangen können. Hier sieht Operto Handlungsbedarf: «Der Gesetzgeber muss Rahmenbedingungen schaffen, die sicherstellen, dass Strom zu angemessenen Preisen verkauft werden kann und netzdienliches Verhalten gefördert wird.»

EVUs entdecken neue Märkte
Mit den sinkenden Preisen für Photovoltaikanlagen und Speichermöglichkeiten können auch vom Netzstrom unabhängige Stromversorgungen bald attraktiver werden. «Besonders interessant wird dies, wenn sich mehrere Häuser zusammenschliessen und eine Art autarke Insel bilden, die Strom produziert, der mit intelligent gesteuerten, vernetzten Speichern gemeinsam genutzt wird», sagt Operto.

Und die EVUs? «Sie werden umdenken müssen. Von Stromlieferanten werden sie zu Anbietern von Gesamtenergielösungen», prognostiziert Operto. Ein Beispiel ist EWZ, das EVU der Stadt Zürich: Im Projekt Solarzüri verkauft es Teile von PV-Anlagen und liefert den Käufern pro gekauften Quadratmeter jährlich 80 Kilowattstunden Solarstrom. So erhöht das EWZ seine Investition in Solarenergie und sichert gleichzeitig den Absatz des Stroms. «Mit solchen Leistungen positionieren sich die EVUs im Dienstleistungsbereich und binden ihre Kunden», erklärt Operto. Gleichzeitig werden die erneuerbaren Energien weiter gefördert, und das Stromnetz wird mit intelligenten Steuerungen stabilisiert.